Leben mit einem Elternteil
Mitte der 60er Jahre gab es in der BRD rund 500.000 Halbfamilien - so hießen Ledige, Getrenntlebende, Geschiedene oder Verwitwete damals noch offiziell. 1998 versorgten 2,8 Millionen alleinerziehende Frauen und Männer insgesamt etwa vier Millionen Kinder. So steht es zumindest in den Statistiken. Dort wird unter “Alleinerzieher” allerdings jeder geführt, der zwar Kinder, aber keinen Trauschein hat. Also auch die Paare, welche wie Ehepaare zusammenleben oder Geschiedene die sich wieder neu gebunden haben. Insgesamt schätzen Experten, lebt wohl rund die Hälfte der offziellen Alleinerziehenden in einer eheähnlichen Beziehung. Auch wenn die nackten Zahlen das Bild verzerren - der Trend stimmt: Immer mehr Frauen und zunehmend auch Männer erziehen ihre Kinder allein und immer mehr Menschen haben es gar nicht anders versucht.
Zwar stellen die Geschiedenen immer noch die größte Gruppe der “Ein-Eltern-Familien”, aber die ledigen Mütter die ihre Kinder von anfang an alleine betreuen, holen kräftig auf. Rund die Hälfte der Kinder, die mit ihrer Mutter allein leben, hat ihren Vater durch Scheidung “verloren”, ein Viertel hat ihn überhaupt nie gekannt. Beide Gruppen haben ein gemeinsames Problem: Immer noch gelten die Familien alleinerziehender als “unvollständig”, “minderwertig” oder als “Notlösung”. Dabei ist die These, dass Kinder in Teilfamilien eine unerfreulichere Kindheit und geringere Chancen im Leben hätten und damit automatisch benachteiligt wären, ebenso alt wie falsch. Es gibt Zehntausende Beispiele, mit denen Alleinerziehende eindrucksvoll bewiesen haben, dass diese Lebensform Kindern ebensoviele Möglichkeiten eröffnen kann, wie die tradiotionelle Vater-Mutter-Kind-Familie. Dass sie Familien vorzuziehen ist, in denen Enttäuschung und Streit zwischen den Eltern den Alltag bestimmen, bestreitet ohnehin niemand mehr.
Die Gegenthese, dass sich Familien von Alleinerziehenden überhaupt nicht von anderen Familien unterscheiden ist aber ebenso falsch. Die Ein-Eltern-Familie ist eine spezielle Familienform, mit eigenen Anforderungen, Vor- und Nachteilen.